„Die Tore öffnen sich“

Am Morgen des Vortages zum Gottesdienst für Entschlafene machte sich ein Teil der Gemeinde Leinetal mit einigen Mitgliedern des Projektchores Bodenburg-Leinetal auf, um die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen zu besuchen und sich einzustimmen auf den Gottesdienst am Sonntag.

„Die Teilnehmer im Alter von 9 Monaten bis 90 Jahren trafen sich morgens um 8 Uhr an der Kirche in Elze. Von dort ging es mit dem Bus über Hildesheim, wo noch einige Reiseteilnehmer aufgenommen wurden, nach Bergen-Belsen. Dort angekommen, war für alle ein zweites Frühstück in der Cafeteria vorbereitet.

"Ein besonderer Gruß Gottes war in der Bibliothek zu finden", schreiben die Geschwister in ihrem Reisebericht. "Auf einem Regal in der obersten Reihe stand ein Buch, das als einziges sofort das Auge des Betrachters traf. Sein Titel: Die Tore öffnen sich. Einen schöneren Hinweis konnte es gar nicht geben."

Nach dem Frühstück wurden zwei Gruppen gebildet, die von jeweils einer jungen Frau geführt wurden. Nach einer kurzen Einführung in die Details des Lagers ging es anschließend zur Gedenkstätte. Hier erfuhren die Besucher viel über die Zusammensetzung des Lagers, die Lebensbedingungen und Weiteres aus dem Zusammenleben der Lagergemeinschaft.

„Es war sehr bewegend und stimmte uns alle sehr nachdenklich, zu erfahren, welche Entbehrungen die Menschen hinnehmen mussten“, heißt es in dem Bericht weiter. So gab es insbesondere in der Zeit von September 1944 bis zur Befreiung im April 1945 für die Gefangenen kaum etwas zu essen. Morgens erhielten die Insassen eine „braune Brühe“, die kaum genießbar war, aber zumindest etwas Wärme spendete. Zu essen gab es ein Zwölftel Brot, das sind drei Zentimeter. Einmal in der Woche gab es eine Scheibe Käse, eine Scheibe Wurst und ein Stück Butter. Von diesem Wenigen, so berichtete die Leiterin, haben Eltern für ihr Kind, das im Lager seinen achten Geburtstag „feierte“, etwas aufgehoben, um ihm wenigstens etwas zum Geburtstag zu schenken. In einem Gedicht, das der Vater für seine Tochter geschrieben hatte, kam zum Ausdruck, wie wertvoll ein Stück Brot war. Alles andere trat in den Hintergrund. Der Vater stärkte aber trotz aller Entbehrungen der Tochter die Hoffnung auf ein besseres Leben nach der Errettung.

Es blühte ein reger Tauschhandel, um etwas zu essen zu bekommen. So war im Lager ein junger Mann, der es geschafft hatte, einen Diamantring dorthin mitzunehmen. Diesen tauschte er gegen zwei Scheiben Brot ein. Als er später eine Verlobte hatte, fragte er, was sie zur Verlobung haben möchte, einen Brillantring oder zwei Scheiben Brot. Für ihn war das Brot genauso wertvoll, wie ein Diamantring. Dieses Erleben griff der Vorsteher der Gemeinde Leinetal, Evangelist Dieter Pönsgen, am Sonntag in der Vorbereitung zum Heiligen Abendmahl auf, um die Gemeinde auf das wertvolle Brot, das uns Christus geschenkt hat, einzustimmen.

Nach dem Rundgang über die Gedenkstätte hatten die Besucher Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen. Außerdem wurden Filmdokumente von der Befreiung des Lagers durch die Briten gezeigt. Zur Zeit der Befreiung lagen tausende von Leichen im Lager, ausgemergelt und zum Teil nackt. Man hatte ihnen nicht nur das Leben genommen, sondern sie auch ihrer Würde beraubt. Selbst im Tod wurden die Leichen teilweise unwürdig in die Massengräber durch die SS-Angehörigen hineingeworfen. „Trotz allem“, schreiben die Geschwister, „wollen wir auch für die Täter eintreten. Wie schön wird es sein, wenn sich Gedemütigte und Peiniger einmal im Jenseits die Hand reichen und sich untereinander vergeben können.“

Anschließend gingen beide Gruppen gemeinsam zum Haus der Stille. Dort wurden eine Andacht gehalten und einige Lieder gesungen. Der Inhalt der Andacht war die Begebenheit am Teich Betesda, wo der Kranke über 38 Jahre lag und wartete, dass auch er in den Teich Betesda gelangen könnte, wenn der Engel das Wasser berührt. Christus stellte ihm die Frage, ob er gesund werden wollte, woraufhin er entgegnete, dass er niemanden hätte, der ihm hilft. Der Vorsteher forderte die Geschwister auf, doch den Seelen, die vielleicht seit Jahren auf Hilfe warten, ein Engel zu sein, damit auch ihnen das Heil in Christus zuteil werden kann.

Ein besonderes Erleben war das Wetter. Denn laut Vorhersage war für Samstag eine 90-prozentige Regenwahrscheinlichkeit angekündigt. Doch erst nachdem der Letzte der Gruppe die Ausstellung betreten hatte, fing es an zu regnen.

Auf der Rückfahrt wurden noch viele Gedanken ausgetauscht, die sich mit dem Erleben des Tages beschäftigten. „Für uns ist es Gewissheit: Die Tore öffnen sich. Gott hat sie aufgetan, um vielen Gnade und Heil zu schenken“, schreiben die Geschwister aus Leinetal abschließend.

K.M.